OFFENER BRIEF AN FRAU SOMMARUGA 10.12.20

Sehr geehrte Frau Bundespräsidentin Sommaruga,

Als Kulturschaffende/r möchte ich mich öffentlich gegen die angekündigten Massnahmen des Bundesrates vom 8. Dezember 2020 aussprechen, die vorsehen, jegliche kulturelle Aktivitäten auf nationaler Ebene bis zum 20. Januar 2021 zu verbieten.

Die vorgesehenen landesweiten Massnahmen sind unverhältnismässig

Die gesundheitliche Situation ist in der Tat von Kanton zu Kanton sehr unterschiedlich. Allerdings würde es die Situation trotzdem erlauben, ein angemessenes kulturelles Angebot aufrechterhalten.

Die vorgesehenen landesweiten Massnahmen sind diskriminierend

Die Kultur ist bei den vorgesehenen Massnahmen der einzige Sektor, der einem vollständigen Berufsverbot ausgesetzt ist.

Die vorgesehenen landesweiten Massnahmen sind ungerecht

Der von der Covid-19-Krise schwer betroffene Kultursektor hat mit viel Engagement und Kreativität gezeigt, dass es möglich ist, Covid-19-kompatible Veranstaltungen mit reduzierter Besucheranzahl anzubieten, sowie strenge Schutzkonzepte einzuhalten, die die Sicherheit sowohl der Künstler/innen als auch der Besucher/innen gewährleisten. Darüber hinaus haben sich die Schutzkonzepte des Kultursektors in Bezug auf ihre Wirksamkeit vollständig bewährt.

Der Kultursektor ist ein wesentlicher Sektor.

Die Kultur bleibt auch in Zeiten von grossen Einschränkungen essentiell für die Gesellschaft. Wer liest keine Bücher, wer sieht keine Filme, wer hört keine Musik? Die Kulturschaffenden haben Resilienz und große Solidarität gezeigt: Während der ersten Welle unterstützten sie die Bevölkerung ohne Gegenwert, indem sie ihre Arbeit oftmals kostenlos zur Verfügung stellten. Dieses Angebot kann nicht mehr aufrecht erhalten werden. Es ist Zeit, pragmatisch zu handeln: Wie Herr Professor Didier Pittet heute Morgen noch einmal betonte, ist es wichtig, die Schutzmassnahmen zu respektieren. Dank strenger und kontrollierter Schutzkonzepte sind diese im Kulturbereich aber leicht anwendbar. Darum sollen Covid-19-kompatible kulturelle Aktivitäten möglich bleiben, durch die sowohl der Bevölkerung in diesen schwierigen Zeiten als auch den in die Knie gezwungenen Kulturschaffenden etwas Hoffnung gegeben werden kann.

Der Kultursektor sollte und kann nicht der geopferte Sektor sein.

Mit dem vorgeschlagenen Massnahmen eines generellen Verbotes kultureller Aktivitäten machen Sie die Kulturschaffenden vollständig von öffentlicher Unterstützung abhängig, die leider nicht an die Besonderheiten des Kulturberufes oder an die unmittelbaren Bedürfnisse der Künstler/innen angepasst ist. Wer kann 6 bis 8 Monate ohne Einkommen oder Ausfallentschädigungen leben? Darüber hinaus ist es den freischaffenden Kulturakteuren in dieser zweiten Welle nicht mehr erlaubt, direkte Anträge für Ausfallhonorare zu stellen. Der Kultursektor ist komplex und äusserst fragil. Es ist utopisch zu glauben, dass ein Entschädigungssystem den Schaden und die Verwüstung kompensieren kann, die durch die verschiedenen bereits auferlegten Beschränkungen verursacht wurden. Neue Verbote wären für den Sektor fatal.

Kultur ist Atem, der nicht erstickt werden darf!